Mythos Mali - Reisebericht von Dr. Bernd Kregel

Wiederentdeckung der „Mitte von nirgendwo“

„Süß wie die Liebe, durchwachsen wie das Leben und bitter wie der Tod.“ Wüsteneinsamkeit macht sinnlich. Und zugleich sensibilisiert sie für das Wesentliche. In beiden Disziplinen sind die Tuareg Meister. Sie verleihen Ihrer Teezeremonie eine geradezu liturgische Note und überhöhen sie damit zu einer heiligen Handlung, aus der sich die Eckpunkte des menschlichen Lebens ablesen lassen. Dreimal verlässt der braune Strahl in hohem Bogen die Teekanne und füllt, luftig aufgelockert, mit jeweils unterschiedlichem Geschmack prasselnd und schäumend die kleinen Gläser: „Es lebe die Liebe! Es währe das Leben! Es warte der Tod!“

Während dieses Zeremoniells scheint sogar die Zeit still zu stehen. Wie gerade im Lager der Tuareg auf einer der Sanddünen nahe Timbuktu. Hier am Rande der Sahara werden bei den Strahlen der untergehenden Sonne Gedanken ausgetauscht, Geschichten erzählt und Freundschaften geschlossen. Allen voran zählt natürlich die Gastfreundschaft, die stets heilig ist und niemals angetastet werden darf. Denn hier gelten die Spielregeln des afrikanischen Orients, wobei die ständig wiederkehrenden Tagesabläufe bestimmt werden von den Bedürfnissen der Herden, von Wasserstellen und Weideplätzen.

So erzählt es Ahmed, in seinen wunderbar wallenden Gewändern heranschwebend wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Dreimal jährlich, so fügt er hinzu, begebe er sich mit seinen „Wüstenschiffen“ auf große Reise. Dabei schließe er sich einer Karawane von mehreren hundert Kamelen an, die eine Strecke von achthundert Kilometern zu bewältigen habe. Der gemeinsame Weg führe sie in das Innere Malis, wo in einer riesigen Salzmine seit alten Zeiten mineralhaltige Salzplatten aus dem Boden gebrochen werden. Nach langen aufreibenden Tagesmärschen fänden diese auf den Märkten in und um Timbuktu ihre Käufer. Trotz aller Anstrengungen, so fügt er hinzu, würde er jedoch niemals sein Leben in der Einsamkeit der Wüste tauschen mit dem unruhigen Leben der Stadt.

Auch nicht im nahe gelegenen Timbuktu, jener legendären Siedlung irgendwo „in der Mitte von nirgendwo“, wie sie einst bei ihrer Entdeckung durch europäische Forschungsreisende charakterisiert wurde? Noch 20.000 Einwohner leben heute in ihr und sonnen sich im Glanz ihrer goldenen Vergangenheit. Auch für Europa wurde die Stadt zu einem Mythos, der stets genährt wurde von den Erzählungen arabischer Händler, die Warenaustausch betrieben mit der Stadt am nördlichen Niger. Doch waren es nicht allein die Gegenstände des täglichen Lebens, die hier auf den Markt gelangten. Stattdessen waren es in der goldenen Epoche vor fünfhundert Jahren vor allem kostbare Bücher und Handschriften, die auf Kamelrücken herangeschafft wurden. Sie galten als die wertvollste Handelsware und ihre Abschriften wurden mit purem Gold bezahlt.

Denn immerhin gab es hier in jenen Zeiten bereits eine selbst für europäische Verhältnisse unglaubliche Universität mit mehreren Fakultäten und insgesamt 25.000 Studenten, die sich hier unterschiedlichen Wissenschaften widmeten. Bis die Marokkaner vom Norden her auf der Suche nach Gold der Stadt durch willkürliche Zerstörung ihren Glanz raubten und sie dem Verfall preisgaben, von dem sie sich nie mehr erholen sollte.

Es gibt jedoch Hinterlassenschaften, die heute noch einen Eindruck vermitteln von dem einstigen geistigen Leben in dieser Stadt. Das sind vor allem die privaten Handschriftensammlungen sowie die Ahmed-Baba-Bibliothek, gefüllt mit 41.000 Manuskripten, für die Mohamed Touré die wissenschaftliche Verantwortung übernommen hat. Stolz trägt er unter freiem Himmel aus einem der restaurierten Prachtbände vor. Gerade so, als wolle er für ungläubige Zweifler den Beweis dafür erbringen dass es niemals nötig war, Eulen nach Timbuktu zu tragen.

Neben der Weisheit hat sich die Stadt aber auch einen guten Teil von ihrer Heiligkeit erhalten. Denn bis heute verteidigt die Hauptmoschee von Timbuktu nach Mekka, Medina, Jerusalem und Kairouan einen respektablen 5. Platz in der Weltrangliste muslimischer Heiligtümer. Und geblieben ist natürlich auch der Mythos, den Forscher wie René Caillié, Mungo Park und nicht zuletzt der Deutsche Heinrich Barth der europäischen Öffentlichkeit mit ihren Erlebnisberichten einpflanzten. Mit einem „Knowledge Day of Timbuktu“ reiht sich die Stadt nun alljährlich selbst ein in die Traditionspflege des im Jahr 1591 durch die Marokkaner zerstörten Timbuktu.

Ganz anders das „westafrikanische Venedig“, die am Zusammenfluss des Niger mit dem Bani River auf einer Insel gelegene Stadt Mopti. Bis an den Horizont reichende Reisfelder bestimmen hier bei der Anfahrt das Bild. In der Stadt selber scheint sich das Leben hauptsächlich an den Flussufern abzuspielen. Besonders am Seguni-Markt, an dem schlanke Pirogen bunt gekleidete Menschen sowie eine unglaubliche Palette von Waren transportieren.

Eine einzigartige Lage, die dazu einlädt, die Stadt während der Abenddämmerung auf einem der kleinen Motorboote von der Flussseite her zu entdecken und dabei einem der romantischen Fischerdörfchen zur Feierabendzeit einen Besuch abzustatten. Denn nirgendwo sonst, so wird schnell klar, zeigt sich die fruchtbare Fülle dieser Region so nachhaltig wie von der Flussseite aus.

In Djenné hingegen ist es die große Moschee, die als architektonisches Weltwunder alles andere überstrahlt. Errichtet aus einem Gemisch aus Lehm, Hirsestroh sowie Kuhmist und abgestützt durch kräftige Balken, die seitwärts aus den Lehmwänden herausschauen, bietet sie Platz für 5000 Gläubige und hat sich – gepflegt wie sie sich präsentiert – den Titel eines Unesco-Weltkulturerbes durchaus verdient. Die Bürgerhäuser der Altstadt scheinen ihr in Stil und Prachtentfaltung dabei nachzueifern.

Eine Konkurrenz ganz anderer Art bildet jedoch der in ihrem Schatten wöchentlich stattfindende Montagsmarkt. Hier zeigt sich vor der schlichten Lehmkulisse eine knallige Farbigkeit, die nun ihrerseits alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, allen voran die bunt herausgeputzten Frauen, die wie exotische Vogelwesen auf Käufer für ihre Waren warten. Vom Viehmarkt und Gemüsemarkt über Haushaltswaren bis hin zu den unterschiedlichsten Gebrauchswaren: Hier findet jeder alles und deckt sich ein – bis spätestens zum nächsten Montag.

Doch dann folgt der Höhepunkt einer jeden Mali-Reise: ein Abstecher ins legendäre Land der Dogon.

Ebenso wie Timbuktu und Djenné Unesco-Kulturerbe, gilt das besondere Interesse der animistischen Tradition dieses Volkes, die sich hier in ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat. Das erklärt sich vor allem aus der Abgeschiedenheit des Dogon-Landes, das von Bandiagara aus nur mit Vierradantrieb erreicht und befahren werden kann. Schroffe Steinformationen tun sich auf zu beiden Seiten des Anfahrtsweges und sind doch nur das Vorspiel zu einer lang gezogenen steilen Felswand, an der sich das Dogon-Leben hauptsächlich abspielt.

Mitten in dem mehrere hundert Meter hohen Felsabbruch werden tiefe Höhlen erkennbar, in denen die Toten ihre letzte Ruhe finden. Es sei denn, die Ahnen schickten sie zurück in Gestalt eines Menschen, Tieres oder Baumes. Vielleicht sogar als Donner während eines Gewitters, um die Hinterbliebenen zu ermahnen, den erprobten Pfad alter Tugenden nicht zu verlassen. Besonders an der ehelichen Treue darf in dem Gemeinwesen der Dogon keinesfalls gerüttelt werden. Denn kein Fehltritt bleibt vor den Augen der Ahnen unerkannt und zieht ungeahnte Folgen nach sich bis hin zur Ächtung durch die Dorfgemeinschaft.

Wie in einem bunten Kaleidoskop gibt der Kulttanz der Dogon Auskunft zu allen Fragen zwischen Himmel und Erde. In ausdrucksstarken Masken und Kostümen stehen die Männer des Dogon-Dorfes Tirely auf ihrem Dorfplatz zu Füßen des Felsabhangs bereit und warten auf das Signal durch die Dorfältesten. Und dann plötzlich bricht es los wie ein Feuerwerk, das sich in unterschiedlichen Formationen entlädt. Zum Beispiel in den Masken der Kanagas, die symbolisch Himmel und Erde repräsentieren und dann urplötzlich eine mythische Verbindung beider Sphären vollziehen.

Oder in der Maske eines Jägers, der – bewaffnet mit einem Speer – in rituell festgelegter Vorgehensweise die bösen Geister von den Verstorbenen fernhält, damit deren guter Seelenanteil ungestört in die Welt der Vorfahren eingehen kann. Und schließlich in der Maske des Gottes Amma, deren unbekannter Träger dafür zu sorgen hat, dass das gesellschaftliche Leben in guten und geordneten Bahnen verläuft und niemand darin zu Schaden kommt.

Eine ursprüngliche, ja urtümliche Welt, die sich authentisch erhalten hat und damit einen weiteren Beitrag leistet zu der vielfältigen Kultur Malis, die zu den schönsten und reichhaltigsten in ganz Westafrika gezählt wird. In jedem Fall ein abenteuerliches Reiseerlebnis – und dazu von Europa aus leicht zu erreichen. Sicherlich ein Ziel, das man in seine Urlaubsplanungen mit einbeziehen sollte.

 

Reisebericht von Dr. Bernd Kregel
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