Guinea - Liberia - Sierra Leone - mehr Afrika geht nicht

Sie kennen sich untereinander nicht, sind eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, doch eines haben die 13 deutschen Touristen zumindest gemeinsam:  Sie wollen mit Abenteuergeist fernab ausgetretener Pfade in ursprüngliches und weitgehend unbekanntes Afrika eintauchen.

Schon der Abflug von Terminal T in Brüssel nach Conakry, Hauptstadt  Guineas in Westafrika, wirkt exotisch und irgendwie anders, als sonstige Flugsteige. Nur Abflüge zum afrikanischen Kontinent werden hier abgewickelt - und wer mal in diesem Transitbereich eingetroffen ist, kommt auch nicht mehr raus - unbefugtes Betreten europäischen Bodens ist nahezu unmöglich.
Nach sieben Stunden zieht der vollbesetzte Airbus  eine große Schleife über das Stadtgebiet von Conakry und setzt zur Landung an. Es ist bereits tropisch dunkle Nacht. Nur schwaches Licht aus den Häusern und den Lichtkegeln der Autos läßt die Stadt erahnen - Straßenbeleuchtung gibt es nicht. Ein kleiner Flughafen entläßt die Reisenden, Afrikaner zumeist, in feucht-warme 27Grad.
Fast ein wenig unheimlich wirkt die Busfahrt durch das chaotische Gewühl der Stadt. Dicht an dicht drängen sich kleine Verkaufsstände am Straßenrand. Nur teilweise fahl beleuchtet durch eine Kerze in einem Glas, um das spärliche Warenangebot überhaupt sichtbar zu machen.

Nach recht komfortabler Nacht im angeblich ersten Hotel der Stadt starten wir unsere 12-tägige Busrundreise und beginnen mit einer Besichtigungstour durch Conakry. Zu unserer großen Überraschung begrüßt uns der Tourismusminister Guineas - Touristen scheinen hier wirklich etwas Besonderes zu sein. Auf unserer Fahrt durch die Stadt kommen wir zügig voran. Es ist Sonntag. Dies bedeutet wesentlich weniger Verkehr auf den Straßen als an einem Wochentag. Viel zu wenige Straßen existieren. Viel zu viele Fahrzeuge quälen sich täglich auf ihnen, trotz extrem hoher Benzinkosten von 1 Euro pro Liter  im Vergleich zum Durchschnittseinkommen von 30 -50 Euro monatlich.
Vom einstigen Kolonialcharme ist nicht viel im Stadtbild übriggeblieben. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es das „Paris Afrikas“ oder „Petit Marseille“ genannt. Leider hat Sékou Touré, der erste Präsident Guineas nach der Unab-hängigkeit von Frankreich im Jahr 1958, so gut wie alle architektonischen Zeugen der französischen Zeit abreißen lassen.
Als erstes steuern wir die größte Moschee Westafrikas an - nicht zu übersehen mit ihren alles überragenden Minaretten. Kaum hat unser Bus am Eingangstor vor dem riesigen Freigelände der Moschee angehalten, kommen zahlreiche Menschen wütend und wildfuchtelnd auf uns zu. Eine unmissverständliche Geste, wir sollen hier verschwinden. Wir verstehen, dass sie einfach keine Fotoobjekte sein möchten, respektieren dies und fahren weiter. Mal sehen, wie unser Empfang im alten Fischereihafen Boulbinet sein wird. Unser Reiseleiter vermutet auch hier eine ähnliche Grundhaltung. Um kein Risiko einzugehen, lassen wir uns für ein Trinkgeld von einem Polizisten durch das Hafengelände begleiten.
 
Sehr strenger Geruch schlägt uns entgegen. Zusätzlich verstärkt durch die Ebbe im Hafenbecken. Doch davon lassen wir uns nicht abhalten. Unsere Neugier auf das geschäftige Treiben ist stärker. Eine kleine Werft zimmert Holzboote von Hand, wie seit Generationen schon, Fischer hocken am Boden und flicken ihre Netze. Frauen in prächtig bunten Gewändern sitzen zu einem Plausch im Schatten, wieder andere warten auf Kundschaft für den auf dem Boden präsentierten Fisch. Im seichten Wasser dümpeln bunte Holzboote, die gerade ihren Fang anliefern. Es ist fast kein Durchkommen möglich im hektischen und lauten Gewühl auf dem  schmalen Kai. Einen bunten Eindruck können wir allemal gewinnen und so ersparen wir uns das Innere der düsteren Markthalle gerne.

Nur eine einzige Straße führt hinaus aus der Stadt, die sich mit ihren geschätzten 2 Mio. Einwohnern auf eine schmale Landzunge drängt.  Drei mühsame Stunden durch chaotischen Verkehr dauert es, bis wir in unserem Bus die ersehnte Stadtgrenze erreichen. Endlich ragt direkt vor uns steil das Küstengebirge auf. Starker Dunst läßt es allerdings nur erahnen. Doch je weiter wir uns hineindrängen, desto mehr erspüren unsere Sinne die dichte grüne Buschlandschaft, gute Luft und blühende Bäume.
In einem einladenden Naherholungsgelände mit Bar, Pavillon und Badeplatz am Fluß spielen - wie bestellt - gutgelaunte Musiker rhythmische Raggae-klänge  zu unserem Picknick.
Von hier aus geht es immer weiter hinein in die Berge. Im steten Wechsel Serpentinen, Buschland und lebendige Dörfer, die ihr gesamtes Warenangebot auf der Straße offerieren, hauptsächlich Mangos, immer wieder Berge von Mangos. Zum Glück ist hier draußen auf dem Land wenig Verkehr auf der Straße. Nur Mopeds und hin und wieder ein LKW - oder hochbetagte PKWs, die vor uns bergan keuchen, rostig und zerbeult, oft fehlen Scheinwerfer und Außenspiegel,  mit meterhohen Beladungen auf dem Dach und vollgestopft von Mitreisenden. Wer im Auto keinen Platz findet, stellt sich kurzerhand auf die Stoßstange oder zwängt sich zwischen die Ladung.
Untypisch verstopft von LKWs ist der nächste Ort. Ein Zentrum der Fleisch-produktion - speziell Antilopenfleisch. Hier wird es  nicht nur verladen, sondern auch in den vielen kleinen Garküchen zubereitet und verspeist..
Immer wieder tauchen Kontrollstellen der Polizei auf. Ein dünnes Seil mit hineingeknoteten Plastiktütenfetzen, quer über die Fahrbahn gespannt, zwingt zum Anhalten. Und alle Wachmänner haben Durst. Mit etwas Palaver und Bakschisch, unterstützt durch freundliches Winken unsererseits, wird die Sperre zur Weiterfahrt heruntergelassen. Schade, dass es im ganzen Land verboten ist, Militär und Polizei, somit auch die vielen Kontrollposten, zu fotografieren. So manches Schmunzeln würde uns wohlorganisierten Europäern enteilen.
Keine Sekunde mag ich wegsehen von der Straße und der sich ständig wandelnden, von tiefen Tälern durchzogenen Landschaft. Die Straße ist die Lebensader einer jeden Gegend - alles bewegt sich auf ihr. Oft sind es Frauen in ihren aufregend bunten Gewändern mit allem auf dem Kopf, was es zu transportieren gibt. Mehrere grellfarbige Plastikschüsseln übereinander, mit allerlei gefüllt, Kanister und Säcke, sogar lange Äste, Brennholz für die Essenszubereitung. Immer blicken sie voller Neugierde und Staunen auf unseren Bus mit den seltenen weißen Insassen und winken uns völlig unbefangen zu.
Kurz bevor es dunkel wird, so gegen 18 Uhr, erreichen wir unser Hotel in der Kleinstadt Mamou im Hochland des Fouta Djalon.

Nach einer warmen Nacht fahren wir weiter Richtung Norden, noch immer bergauf. Landschaften mit schwarzen Felswänden, tiefen Tälern und einem weiten Blick in äußerst dünn besiedeltes Gebiet des abgelegenen Nordens von Guinea. LKWs schleppen sich langsam die kurvenreiche Straße hinauf. PKWs, fast immer mit hoch aufgetürmter Ladung, ebenso. Wir passieren kleine Dörfer mit spärlichem Warenangebot, staunen über prächtig gelb blühende Kassiasträucher und erreichen nach etwa einer Stunde die kleine Stadt Dalaba im Herzen der „Schweiz Guineas“. Auf 1.100 m Höhe begrüßen uns angenehme Temperaturen und ein leichter Wind - sie machen dem Namen alle Ehre in diesem sonst tropisch-heißen Land in Äquatornähe. Kein Wunder, dass sich hier vor vielen Jahren der frühere Machthaber Sékou Touré, aber auch wohlhabende Bürger aus Conakry ihre Sommersitze errichtet haben. Auch „Mama Afrika“, die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba, hat hier viele Jahre in einem großzügigen Haus mit schöner Terrasse und lauschigem Garten gelebt. Zahlreiche neue Prachtbauten mit Säulen und glänzenden Fliesen an den Außenwänden präsentieren sich in einem sehr eigenartigen neuzeitlichen Geschmack.
Auf dem weitläufigen Gelände von Sekou Tourés Sommersitz stehen auch mehrere Gästehäuser für seine zahlreichen Staatsempfänge. Alles ist sehr heruntergekommen und seit dem Tod des Diktators im Jahr 1984 sichtlich nicht mehr gepflegt. Eigentlich  sind die Häuser dringend renovierungsbedürftig. Geld wurde bisher aber nur für das Palaverhaus locker gemacht. Ein Rundbau mit fantastischen Stuckarbeiten in streng geometrischen Mustern und Linien, wie ein „negatives“ Relief ca. 2 cm tief in den naßen Putz gekratzt. Fast sakrale Stimmung umhüllt einen in diesem etwa 10 Meter hohen Raum. Hier wurde 1958 die Unabhängigkeit Guineas von der Kolonialmacht Frankreich besiegelt. Die Unesco hat diesen einmaligen Bau zum Weltkulturerbe erklärt und zu-mindest schon einmal ein Blechdach gegen den weiteren Verfall auf das Gebäude setzen lassen. Insbesondere auch, da sämtliche Stuckarbeiten des Bodens und der Wände auf Lehmbasis mit Tierdung hergestellt sind und normalerweise alle zwei Monate gegen die Zerstörung durch Nässe erneuert werden müssen. Von Frauen, deren Aufgabe es traditionell ist, ihre Häuser, meist Rundhütten, zu verputzen.
Jetzt aber genieße ich erst einmal unseren ersten Sonnenuntergang in Guinea. Rasch versinkt die glutrote Sonne am dunstigen Horizont. Schnell legt sich die Nacht über die herrliche Aussichtsterrasse hoch über dem steil abfallenden Gelände inmitten afrikanischer Kulturlandschaft.

Der nächste Tag ist Nationalfeiertag in Guinea, spielt aber keine besondere Rolle und so ist es ein Tag wie jeder andere. Wir fahren weiter nach Norden und schlängeln uns 50 km durch das gebirgige Hochlandplateau, das sich bis auf eine Höhe von 1550 m erhebt. Immer wieder kleine Dörfer mit ihren Verkaufsständen entlang der Straße.
 
Dann überholen wir Dutzende Frauen in ihren gemusterten Wickelröcken. Sie marschieren in kurzen Abständen hintereinander und tragen schwere Lasten auf ihren Köpfen. Stolz und elegant sehen sie aus, als wäre es nichts, was sie in würdevollem, aufrechten Gang auf ihren Häuptern balancieren. Auch Autos fahren in die gleiche Richtung, voll beladen mit Säcken, wahrscheinlich Kartoffeln, Kohl und Tomaten, die in diesem Klima gut gedeihen. Wir ahnen es: ein größerer Ort ist in der Nähe und heute ist Markttag. Schon sind wir mittendrin im geschäftigen Gewühl. Beim Verlassen des Dorfes beobachten wir das selbe Geschehen - Frauen mit ihrem Angebot auf dem Kopf gehen langsam, aber zügig zum Markt, um ein bisschen Geld einzunehmen für Anschaffungen, die sie für ihr bescheidenes Leben hinzukaufen müssen. Sie alle scheinen aus dem Nirgendwo zu kommen - Siedlungen oder einzelne Hütten sind  im weiten Busch- und Grasland nicht zu entdecken.
Wir verlassen die asphaltierte Straße und folgen einer immer schmaler werden-den Piste aus Sand, Lehm und vielen Schlaglöchern, in der Regenzeit sicher unbefahrbar. Grasbedeckte Rundhütten mit großem Dachüberstand säumen den Weg, aber auch neue Häuser, wieder in dem sehr speziellen Baustil mit Säulen, gefliesten Außenwänden, silberglänzenden Metalldächern und grell-farbigen Tür- und Fensterstöcken. Ackerbau, Viehzucht und Zitrusfrüchte haben zu einem ansehnlichen Wohlstand beigetragen. Der Weg wird noch schmaler, noch schlechter, die Besiedlung ist zu Ende, es geht bergab. Ab jetzt gehen wir zu Fuß.
Ein großes canyonartiges Tal öffnet sich vor uns auf der gegenüberliegenden Seite, begrenzt durch eine hohe senkrechte Felswand. Eine dreiviertel Stunde wandern wir durch struppige Buschlandschaft mit exotischen Bäumen und blühenden Sträuchern. Immer weiter hinab in Richtung der Kambadaga-Wasserfälle - und hören sie schon von weitem. An der Talsohle angekommen, steht die imposante Steilwand aus dunklem Sandstein fast bedrohlich vor uns, davor ein breites schwarzes Felsplateau. Jede Menge Wasser läuft darüber, um ein Stück weiter über eine etwa 100 Meter hohe Felskante senkrecht in die Tiefe zu stürzen und nach einer weiteren Kaskade in einem engen Canyon weiterzufließen. Was mag hier wohl während der Regenzeit los sein… eine Überquerung des Flusses zu Fuß ist auch jetzt nicht möglich. Allerdings wirkt die wackelige Hängebrücke mit ihrem steilen rampenartigen Einstieg aus Baumstämmen und Ästen nicht gerade ermutigend für eine Überquerung. Diesen Kick braucht keiner unserer Gruppe und so marschieren wir denselben Weg wieder hinauf zu unserem Bus. Während unseres Aufstiegs werden wir noch kurzzeitig überrascht von zwei sicherlich noch überraschteren roten Pavianen, die mit ihren langen Beinen in den dichten Busch flüchten. Tiere sind im gesamten Land absolute Seltenheit. Wurden sie alle durch die Besiedlung vertrieben? Oder gejagt und aufgegessen? Wir konnten darauf keine Antwort finden.
 
Nach kurzer Kaffeepause in Pita, einer Kleinstadt inmitten des äußerst ländlich geprägten Hochlandes, führt uns eine staubige Schlaglochpiste zum zweiten Wasserfall, dem Kinkon. Inmitten eines militärischen Geländes. Das bedeutet Schlagbaum, Wachposten und umständliche bürokratische Abwicklung. Vielleicht ist es auch so etwas wie ein Staatsheiligtum, das wir besuchen möchten, denn der frühere, noch immer hochgeschätzte Präsident Sékou Touré führte seine Staatsgäste hierher - und das waren so ziemlich alle afrikanischen Führer. Damit sie nie in Vergessenheit geraten, wurden ihre Namen in einer Felswand oberhalb des Kataraktes verewigt. Der Aufwand, dorthin zu gelangen, lohnt sich. Ein enger imposanter Canyon aus schwarzglänzendem Gestein führt das Wasser zu einer noch engeren schwarzen Felsenschlucht  und läßt den Fluß mehr als 100 Meter in die Tiefe stürzen.

Nach angenehm kühler Nacht in der luftigen Höhe von Dalaba brechen wir bereits um 7 Uhr auf. Ein langer Reisetag liegt vor uns. Immer relativ nahe der östlichen Grenze von Sierra Leone entlang, nach Kissidougou im Süden Guineas. 400 km auf sehr schlechter Straße mit vielen Schlaglöchern. Die Regenzeiten setzen den Verkehrsadern des Landes heftig zu. Der Asphalt ist teilweise weggeschwemmt und der  Untergrund aus rotem Sand und Lehm leidet unter den schweren LKWs auf der Hauptdurchgangsstraße  durch das Land. Andere Fahrzeuge sind hier sowieso die Ausnahme. In den frühen Morgenstunden wabert noch der Nebel durch die Täler hinab in tiefere Gefilde. Lichtdurchflutete Savanne in verschiedenen Grüntönen gibt den Blick frei auf hügelartige Felder für Maniok- und Yamswurzeln und wechselt sich ab mit Teakholzplantagen und den charakteristischen Rundhütten kleiner Dörfer. Sofort erhaschen neugierige Blicke unseren Bus, der wohl tatsächlich eine Seltenheit im üblichen Straßenbild ist. Kinder, Frauen, Männer - alle winken uns zu, sichtlich verwundert über die weißen Gestalten im Bus.
Gegen Mittag erreichen wir ein Dorf vom Stamm der Peulh, sesshaft gewordenen Nomaden. Sessoko, unser afrikanischer Reisebegleiter, be-herrscht die Sprache dieses über weite Teile Westafrikas verbreiteten Volkes  und fragt den Ortsvorstand, ob wir das Dorf besuchen dürfen. Natürlich dürfen wir. Wann kommt so etwas schon vor! Und im Gegensatz zu den Städten sind die Menschen hier äußerst freundlich, zutraulich und fast ungläubig erstaunt über unseren Besuch. Denn, was soll schon so spektakulär sein in ihrem Dorf mit den typischen Rundhütten? Kinder stillen, Essen zubereiten, entspannt im Schatten sitzen und palavern. Mit ihrer Gelassenheit ist es allerdings spätestens dann vorbei, sobald wir sie fotografieren und sie sich auf den Displays sehen. Sie kreischen und lachen, wollen wieder und wieder fotografiert werden. Voller Neugierde nehmen uns die Kinder an die Hand, streicheln unsere weiße Haut und sind völlig außer Rand und Band, wenn auch sie fotografiert werden. Alle wollen sie auf's Bild und können gar nicht genug kriegen. - Dann wird uns  etwas gezeigt, was nicht jeden Tag geschieht: die Wand einer klassischen Rundhütte wird renoviert und neuer Putz aus Lehm und Tierdung auf das Bambusgerüst aufgebracht. Stolz wird uns vermittelt, dass dieser Putz ein angenehmes Klima in der Hütte erzeugt. Die Hitze bleibt draußen und wenn es nachts kühl wird, ist es angenehm warm im Inneren.
 
Weiter geht die Fahrt mit höchstens 30 km/h auf gleichbleibend schlechter Straße. Einen Vorteil hat es. Viel intensiver können wir den Ausblick auf eine herrlich ursprüngliche Landschaft genießen und uns nicht oft genug vor Augen führen, dass dieses Privileg noch nicht viele Reisende vor uns hatten - bisher haben wir noch keinen einzigen Touristen gesehen.
Auf einer Eisenbrücke überqueren wir den Niger. Schmal und unscheinbar ist er hier noch, im Vergleich zu seinem noch langen und beschwerlichen Weg,  4.200 km durch fünf Staaten, bis er in Nigeria in den Golf von Guinea mündet. Weitere große Flüsse Afrikas entspringen in Guinea, dem „Wasserschloss Afrikas“, einer der regen-reichsten Regionen des Kontinents.
Gegen 14.30 Uhr erreichen wir Faranah, eine Provinzstadt in der Mitte des dünn besiedelten Landes. Hier machen wir Rast. Kaffeepause in einem typischen Straßencafé -  eine Hütte mit großem Vordach als Schattenspender. Genüßlich lasse ich die quirlige Stadt auf mich wirken, schlendere durch die Straßen und sauge ihre lebhafte Geschäftigkeit, vermischt mit entspannter Gelassenheit und Langsamkeit, in mir auf. Bei meinem Spaziergang durch authentisches Afrika entdecke ich in naivem Realismus gemalte Werbetafeln, die einladen sollen zu einem Friseurbesuch oder aber die Dienste eines Schreibservices anschaulich präsentieren. Am meisten beeindruckt  mich allerdings ein großes Stoffbanner.  An eine Wand angebracht, stellt es zahlreiche Krankheiten und Beschwerden in simpler Bildsprache dar. In Selbstdiagnose deutet der Patient auf das für ihn zutreffende Krankheitsbild - schon hat der „Apotheker“ ein Elixier in einer der zahlreich präsentierten Flaschen parat! Einfach genial und perfekt, denn weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung sind noch immer Analphabeten, in abgelegenen Gebieten sogar mehr als  95 %.
Schade, dass wir schon wieder aufbrechen - aber die lange Strecke von 200km nach Kissidougou liegt noch vor uns. Ab jetzt allerdings auf einer Straße, die ihre Bezeichnung  „Route National“ auch verdient.
Bald schon erreichen wir das animistisch geprägte Stammesgebiet der Kissi und damit  Waldguinea im Süden des Landes. Und dass sich hier etwas verändert, im Vergleich zu den bisherigen Eindrücken, sehe ich sogleich an den bemalten Hüttenwänden der Kissi-Dörfer. Zumeist sind es grafische Muster, aber auch Löwen und nicht so ganz zu identifizierende Gestalten, die vielleicht als Fetisch dienen und vor bösen Geistern schützen sollen. Immer seltener werden die kleinen Dörfer in der  weiten Savannenlandschaft entlang der Hauptstraße und wie es scheint, hat sich hier der Glaube an Götter und Geister erhalten, im Gegensatz zu  85 % der Bevölkerung, die den muslimischen Glauben praktizieren, allerdings teilweise auch vermischt mit Einflüssen der Naturreligionen.

Rechtzeitig vor Anbruch der immer  früh und schnell hereinbrechenden Nacht erreichen wir die Provinzhauptstadt Kissidougou und hoffen, dass unsere gebuchten und zusätzlich mehrfach fest zugesagten Zimmer im Savannah Hotel zur Verfügung stehen. Schon von weitem sehen wir eine ganze Armada neuer Toyota Landcruiser mit riesigen Antennen aufgereiht vor dem Hotel. Wir ahnen es - unsere Zimmer sind anderweitig vergeben. Es ist einfach so in diesem Land: ein Hotel zu buchen ist schon in Ordnung, doch, wenn ein anderer Gast vor Ort nach einer Unterkunft für die kommende Nacht fragt, so bekommt er sie eben. Und in diesem konkreten Fall haben wir das Nachsehen. Südafrikanische und amerikanische Geologen haben hier bereits ihre Zentrale mit Computern und Internet eingerichtet.
Sie durchkämmen das rohstoffreiche Land  nach weiteren Eisenerzvorkommen, Gold, Diamanten und vor allem Bauxit, der Basis zur Herstellung von Aluminium. Noch heute ist Guinea eines der Länder mit den größten Bauxit-Vorkommen weltweit. In Planung sind aufwendige Eisenbahnstrecken zur Küste und der Bau von Häfen für die Verschiffung der meist im Tagebau geförderten Bodenschätze. Eigentlich ist Guinea ein reiches Land, das etwa so groß ist wie Westdeutschland, doch kommt bei der Mehrheit der etwa 10 Millionen Einwohner so gut wie nichts an. Die großen Proviteure sind ausländische Gesellschaften und eine kleine Elite der politischen Führung Guineas.
Zum Glück sind keine weiteren Abordnungen zur Ausbeutung des Landes in der Stadt, so daß wir noch ein Hotel finden. Einfach, aber zweckmäßig - mit sauberen Betten und Wasser aus einem großen Bottich in der Naßzelle, wie die meisten Unterkünfte vorher auch schon.
Noch im Morgengrauen des neuen Tages setzen wir unsere Exkursion nach Süden fort, in Richtung der Grenze zur Elfenbeinküste. Vor uns liegen 4 Stunden Fahrt für 80 km Sand-Lehm-Schlagloch-Piste durch die abgelegene Provinz Guékedoú, mitten in Waldguinea.
Immer dichter wird der Regenwald. Immer höher und mächtiger die Baumriesen, die es schaffen, sich über die verschiedenen Ebenen der Vegetation hinauszuschieben. Die Abstände zwischen den einzelnen Dörfern vergrößern sich. Saftig grüne Reisfelder, Ananas- und Bananenpflanzungen grenzen an die Siedlungen an. Eine Lichtung tut sich auf inmitten des dichten Waldes. Ein Dorf kommt zum Vorschein. Wieder fragt Sessoko, ob wir einen Rundgang machen dürfen. Wir werden vorsichtig zurückhaltend beäugt und willkommen geheißen. Blitzschnell füllt sich der Dorfplatz. Aus allen Hütten kommen die Mütter mit ihren Kindern. Einige der Kleinen rennen schreiend und Schutz suchend vor diesen Fremden zu ihrem Opa oder ihrer Mama. Alle stehen sie stumm da, beobachten die seltsamen weißen Gestalten mit ihren Kameras und lassen die Fotografieraktionen geduldig über sich ergehen. In die roh gezimmerten Türen der Hütten sind eigenartige Symbole eingeritzt. Noch ein paar zusätzliche Indizien sprechen dafür, dass hier Animisten leben, in völligem Einklang mit ihren Geistern, Göttern und der Natur. Sie scheinen ganz in ihrer Welt zu leben und mit ihr im Reinen zu sein, völlig isoliert, ohne jegliche Kenntnis, was um sie herum geschieht. Glückliche Menschen und ganz weit weg von der zivilisierten Welt.
Nicht weit von hier erscheint plötzlich, wie aus dem Nichts, ein riesiger Monolith in der Ebene. Mindestens 250 m hoch ragt der Felskoloss aus dem dichten grünen Wald. Tiefschwarz, halbrund und fast vegetationslos greift er nach dem tiefblauen Himmel. Mystische Kräfte gehen von ihm aus und haben noch immer ihre magische Wirkung auf die Einheimischen. Und so ist der „Roche sacre“, der Heilige Berg, auch heute noch Opferberg für das Volk der Guékè. Sie scheinen sich alle gut im dichten Wald zu verbergen, hinterlassen keine Spuren. Noch nicht mal einen Trampelpfad zur Straße. Sehr mystisch, fast unheimlich ist es hier.
 
Nach einiger Zeit - noch immer mitten im einsamen Wald - erreichen wir ein Dorf in hektischer Betriebsamkeit. Wir fragen nach dem Namen des Ortes. Werden wir nicht verstanden, oder hat das Dorf noch nicht mal einen Namen? Erst der dritte Befragte kann uns eine Antwort geben: Jendemi. Überland-LKWs mit großen Ladeflächen und Planen darüber stehen dicht an dicht zu beiden Seiten der Straße. Aus allen Himmelsrichtungen kommen die Einheimischen mit ihren Erzeugnissen. Hauptsächlich Bananenstauden und Ananas. Zu Fuß, per Moped oder Auto. Obwohl wir rundherum außer Wald nichts sehen, scheint sich ertragreiches Nutzland darin zu verbergen. Wie wir erfahren, ist hier eine zentrale Sammelstelle für die großen Versorgungslieferungen  in den Norden von Guinea und sogar bis über die Grenzen hinweg, bis  Mali und Niger zum Beispiel.
Ölpalmenplantagen säumen ab jetzt die Straße. Jede Familie produziert das begehrte Palmöl und verkauft es kanister- oder flaschenweise auf dem heimischen Markt. Eine genossenschaftliche Organisation gibt es nicht. Im Gegensatz zum Kaffeeanbau. Die Robusta-Bohnen gedeihen in dieser Region so gut, dass es sogar die „Route Café“ gibt, eine Nebenstraße nach Kissidougou. Einmal im Jahr bringen die Bauern ihren Kaffee zu Sammelstellen an der Straße, von wo er mit LKWS abgeholt wird.
Regenwald zu beiden Seiten. Dichter grüner Primärwald mit vielen unterschiedlichen Bäumen, Bambusarten und dazwischen immer wieder gigantisch hohen Urwaldriesen mit gefühlten 100 m Höhe. Sie haben es geschafft, die unteren Vegetationsstufen zu durchbrechen und ihre riesigen Baumkronen  wie Schirme, hoch über den anderen Bäumen, auszubreiten.
Tief in der Region Guékedoú  angekommen, besuchen wir ein weiteres dieser, durch den dichten Wald, isolierten Dörfer. Es heißt, in Guinea gäbe es über 70 unterschiedliche Sprachen. Diese Angaben wirken jetzt nicht mehr ver-wunderlich, sind nachvollziehbar, so abgeschieden sich uns diese Siedlungen präsentieren.
Sehr gebirgig wird es ab jetzt. Noch immer tief im tropisch-grünen Primärwald, wie er dichter nicht sein könnte, fahren wir durch Täler und Serpentinen hinauf bis  auf 1.250 m Höhe. Heilige Wälder der Animisten sind das hier. Unberührt. Nur  Geheimbünde dürfen sie betreten. Ein Glücksfall ist  die steile gebirgige Formation, die das Fällen und Abtransportieren der wertvollen Tropenriesen während der Kolonialzeit unwirtschaftlich gemacht haben. So blieb hier der ursprüngliche Regenwald erhalten, im Gegensatz zu den übrigen flacheren Teilen Guineas. Sie sind zu 95 % abgeholzt.
Immer wieder ragen mystisch wirkende Monolithen in dunklem Fels aus dem dichten Wald. Wie zur Dekoration wachsen vereinzelt Palmen darauf. Einsam ist es hier. Weit und breit kein Dorf, niemand auf der Straße, noch nicht einmal Fahrzeuge.

Die Provinzstadt Nzerekoré taucht vor uns auf. Das quirlige farbenfrohe afrikanische Leben hat uns wieder. Die hochgewachsene Aida vom gleich-namigen Hotel erwartet uns bereits. 2 Tage werden wir hier verbringen.
 
Heute steht eine ganz besondere Exkursion auf unserem Plan. Eine kaum befahrene rote Sandpiste führt uns durch bewaldetes Gebiet zur kleinen Stadt Lola. Ganz am Horizont tauchen die Nimba-Berge auf mit ihren bis zu 1750 m hohen Erhebungen im Grenzgebiet zur Elfenbeinküste und zu Liberia. Weite Teile der fast geschlossenen Walddecke wurden zum Nationalpark und Unesco-Weltnaturerbe erklärt. Sein Zutritt ist teilweise verboten. 40 Pflanzen- und über 200 Tierarten sind endemisch. Auch selten gewordene Waldelefanten und Schimpansen-Kolonien leben dort.

Lola liegt rasch hinter uns, die Piste wird immer schmaler, dichte Vegetation drängt in den Weg. Nach etwa 10 km taucht vor uns ein tropisch-bewaldeter Hügel auf. Der Affenberg von Bossou, einem Animistendorf. Die Einheimischen glauben, dass sie im nächsten Leben als Schimpanse wiedergeboren werden und so sind die Affen verschont davor, gejagt zu werden. Etwa 20 leben gut versteckt auf dem Hügel und werden von einem japanischen Forscherteam und einheimischen Rangern beobachtet und betreut. Es wird auch versucht, einen Korridor zu den Nimba-Bergen herzustellen, um so die dort in freier Wildbahn lebenden Schimpansen mit denen von Bossou zusammenzuführen.
Leise müssen wir sein und eine Gesichtsmaske tragen, um eine Übertragung von Bakterien zu verhindern auf dem schmalen Pfad durch dichten Dschungel, steil hinauf auf den Hügel. Bereits nach 20 Minuten hat unser Ranger Funkkontakt mit Kollegen. Die Spannung steigt. Schimpansen in Sicht? Nur 10 Meter von uns entfernt sehen wir einen. Es ist ein mächtiger Kerl von imponierender Größe. Gemächlich klettert er auf einen Baum und setzt sich gemütlich in eine Astgabel. Sichtlich unbeeindruckt von uns. Denn, so wie wir ihn sehen, so bemerkt auch er uns.
Nachdem sich keine weiteren Aktivitäten ankündigen, machen wir uns an den Abstieg. Inmitten einer grandiosen Fauna in faszinierendem Licht . Vorbei an einem mächtigen Kapokbaum in riesigen Dimensionen. Mit bis zu 75 Metern Höhe ist er einer der größten Bäume des tropischen Regenwaldes. Enorme Brettwurzeln und der daraus resultierende Umfang von 20 Metern geben ihm Halt.
Zurück in Nzerekoré halten wir im kleinen Ethnologischen Museum. Der Direktor erklärt uns stolz seine wenigen Exponate und gibt uns eine Einführung in die Initiationsriten, die in den Dörfern wohl noch immer praktiziert werden.

Am zeitigen Morgen setzen wir unsere Reise fort und fahren Richtung Liberia. Erst vor kurzem wurden die letzten der schätzungsweise 500.000 Bürger-kriegsflüchtlinge nach Liberia zurückgeführt, die in diesem Teil Waldguineas Schutz gesucht hatten.
Kaum zu glauben, dass dies hier die Hauptverbindung zu Liberia sein soll, erinnert die Piste doch eher an einen Feldweg durch dichten Wald. Doch, wie mit anderen angrenzenden Ländern auch, findet kaum ein Warenaustausch zwischen den Nachbarstaaten statt. Also sind auch gut ausgebaute Verkehrs-verbindungen unbedeutend. Und mittendrin im Niemandsland ein Dorf, so abgeschieden und fern jeglicher Zivilisation, dass Kinder kreischend unserem Bus nachrennen. Viele Weiße haben sie sicherlich noch nicht gesehen. Sehr archaisch wirkende „Wald“-Menschen begegnen uns skeptisch und scheu.
Und selbst hier, mitten im Wald, treffen wir auf einen Kontrollposten. Ein Indiz, dass die Grenze nicht mehr allzu weit sein kann.

Über drei Stunden nehmen unsere Ausreise aus Guinea und die Einreise nach Liberia in Anspruch. Die Wichtigkeit der Uniformierten ist nicht zu übersehen. Während wir warten, belagern uns Geldwechsler mit dicken Bündeln gruselig schmutziger Geldscheine in der Hand. Wie schon in Guinea, wo 1.000 Guinea-Francs derzeit etwa 1,20 Euro wert sind, so ähnlich verhält es sich mit dem liberianischen Dollar. Große Scheine, die alle nichts wert sind - Zeichen hoher Inflation und schwacher Währung.
Etwa 1.350 km, durchaus mit Abenteuercharakter, haben wir in Guinea auf oft beschwerlichen Straßen und Pisten zurückgelegt. Und dabei einen sehr intensiven Einblick in dieses sehr authentische Land gewonnen, das unter der Herrschaft von Sékou Touré bis 1987 völlig von der Außenwelt abgeschnitten war. Gerade durch die langandauernde Isolation ist die kulturelle Vielfalt der verschiedenen Ethnien lebendiger als anderswo, sind die Menschen zumeist neugierig und unvoreingenommen uns Fremden gegenüber. Und, nachdem sich in diesem, in weiten Teilen noch sehr rückständigen Land bis heute kein Tourismus entwickelt hat, gibt es auch keine negativen Auswirkungen. Niemand bettelt oder fragt nach Shampoo, Wasserflaschen oder ähnlichem. Mit einem wohltuenden Gefühl registrieren wir dies und verteilen nichts, um sie nicht auf die Idee zu bringen…

Nach acht spannenden Tagen verlassen wir die frühere französische Kolonie, die neben der Sprache zumindest auch ein meist köstliches Baguette „hinterlassen“ hat. Und fahren in ein Land, das 1822 zur Ansiedlung für befreite Sklaven aus den USA gegründet wurde und zu den ersten unabhängigen Staaten Afrikas gehört. Selbstredend, dass hier Englisch die offizielle Amts-sprache ist, wie auch im benachbarten Sierra Leone.
Wesentlich bekannter als die Rückführung ehemals verschleppter Afrikaner sind allerdings die Schreckensbilder des 14 Jahre dauernden grausamen Bürgerkriegs. Seit 2003 gilt er als beendet, doch nur langsam findet das paralysierte, geschundene Land in die Normalität zurück. Und so fahren wir mit einem doch etwas seltsamen Gefühl über die Grenze. Sogleich begleiten uns, wie auf der gesamten weiteren Strecke, riesige UN-Stützpunkte mit ihren weißen Militärfahrzeugen, Hubschraubern und Wachtürmen.
Ein starker Kontrast zu Guinea sind auch die vielen sehr armseligen Dörfer mit grasbedeckten Hütten und verschlossen wirkenden Menschen entlang der Hauptstraße Richtung Monrovia. Bauruinen sind die stummen Zeugen für Massaker, Vertreibung und Flucht. Es heißt, jeder 4. der fünf Millionen Ein-wohner sei unter der Schreckensherrschaft von Charles Taylor umgebracht worden. Ein bedrückendes Gefühl beschleicht uns.
Dann plötzlich: karibische Lebensfreude inmitten der Tristesse. Pinkfarbene, blaue und türkise Häuser mit Verandas im Südstaatenstil, daneben Häuser mit kreativen Mustern an den Wänden -  witzige Handabdrucke, Pinselstriche, Punkte oder grafische Muster. Ein wohltuendes Zeichen für Neubeginn. Und hin und wieder winkende Kinder und Erwachsene.
 
 Auf der überraschend gut ausgebauten Landstraße, die sicherlich den UN-Truppen zu verdanken ist, kommen wir gut voran. Nach etwa 2 Stunden sind wir bereits in Flughafennähe der Hauptstadt. Wir biegen ab in die einst weltweit größte Kautschukplantage. Viele Kilometer geht es durch akkurate Gummi-baumpflanzungen mit den kleinen Auffanggefäßen an den eingeritzten Stämmen. Seit dem Bürgerkrieg wird intensiv daran gearbeitet, wieder die früheren Kapazitäten der zwischenzeitlich arg vernachlässigten Kautschuk-wälder  zu erreichen. Zwar wurde die Reifenfabrik in Kriegszeiten demontiert und außer Landes gebracht, doch Firestone bleibt das Zauberwort. Und Firestone sei Dank. Ein Lebenstraum ist erreicht für denjenigen, der es geschafft hat, bei Firestone eine Anstellung zu bekommen und profitiert von betriebseigenen Schulen, Krankenhäusern und sonstigen Einrichtungen. Sogar einen Golfplatz gibt es auf dem vielen Quadratkilometer großen Gelände.
Die Checkpoints häufen sich, je mehr wir uns dem eigentlichen Stadtgebiet Monrovias nähern. Die Hauptstadt Liberias hat ihren Namen von James Monroe, der zu Zeiten der Rückführung und ersten Ansiedlung ehemaliger Sklaven amerikanischer Präsident war. Trotz großer Bemühungen sind die vielen zerschossenen und ausgebrannten Gebäude links und rechts der Einfallstraße bis ins Zentrum der Millionenstadt noch immer Mahnmale der schrecklichen Bürgerkriegsjahre. Auch, wenn moderne Regierungsgebäude und ein paar Monumente zur Geschichte des Landes Frieden und Fortschritt dokumentieren wollen. Eine durchaus melancholische Wirkung hat der Besuch der Insel Provident mitten im Mesurado-Fluß. Hier landeten  1822 die ersten ehemaligen Sklaven aus USA. Ein damals gepflanzter Baumwollbaum steht noch heute und präsentiert sich in beeindruckender Größe. Leider sind in unmittelbarer Nähe auch armseligste Slums mit erbärmlichen Verschlägen auf engstem Raum - sehr traurige Nachwirkungen des verheerenden Krieges.
Kein Wunder, dass wir auch in Monrovia keine weiteren Touristen sehen. Ausnahme sind ein paar pakistanische UNO-Soldaten, die am heutigen Sonntag Ausgang haben. Es scheint, dass nicht die Stadt, sondern wir, die willkommene Abwechslung für sie sind.

6 Uhr früh ist Abfahrt Richtung Kenema, der Diamantenstadt in Sierra Leone. Nicht die Streckenlänge, sondern die schlechten Straßenverhältnisse sind der Grund für unseren zeitigen Aufbruch. 270 km klingen nicht dramatisch, doch sind wir inzwischen ja schon so einiges gewöhnt - lassen wir uns überraschen. Durch unseren frühen Aufbruch erreichen wir bereits nach einer halben Stunde die Stadtgrenze. Wir fahren in Richtung Norden der Küste entlang und kommen auf der überraschend guten Straße schnell voran. Durch Wälder, vorbei an Feldern und Brandrodungen. Ein unerwarteter Blickfang sind mehrere Hektar Gärtnergelände mit Palmensetzlingen in schwarzen Töpfen. Im direkten Anschluß daran folgen Pflanzungen von Ölpalmen in Monokultur bis zum Horizont. Es tut gut, Fortschritt zu beobachten.
Außer uns ist kaum ein Fahrzeug auf der Straße, und so fallen uns die ersten beiden Touristen auf, eher Weltenbummler, die wir seit unserem Reisebeginn in Conakry, Guinea, sehen. Mit vollbepackten Fahrrädern strampeln sie durch die tropische Hitze.
 
Bald schon erreichen wir die Grenze. In weniger als zwei Stunden sind alle Formalitäten erledigt. Auch hier warten die Geldwechsler auf Kundschaft mit großen Bündeln von Geldscheinen in der Hand. Für einen US-$ bekommen wir 4.200 Leone, der Landeswährung von Sierra Leone.
Ab jetzt ist es vorbei mit gepflegten Straßen. Die schmale, einspurige Lehm-Sandpiste durch einsamen Wald ist abenteuerlich. Wie eine tollkühne Berg- und Tal-Wellenfahrt, wobei die Vertiefungen zum Teil mehr als einen Meter tief sind. Nach etwa zwei Kilometern gelangen wir auf eine große Lichtung mit einem Wachhäuschen vor uns, die Kalaschnikow in unsere Richtung positioniert. Exakt auf dieser Strecke fiel Charles Taylor Mitte der neunziger Jahre in Sierra Leone ein und verbreitete Angst, Schrecken, Folter, Terror und Tod. Finanziert zum großen Teil aus Diamanten, den berüchtigten „Blutdiamanten“. Erst seit 10 Jahren ist der grausame Bürgerkrieg beendet, der schätzungsweise jedem 4. Einwohner das Leben gekostet hat. Etwa 6 Millionen Einwohner leben in diesem tropischen Land am Atlantik, das etwas kleiner ist als Österreich. Im 15. Jahrhundert von den Portugiesen entdeckt, später von den Engländern übernommen, wurde Sierra Leone 1961 unabhängig.
Immer noch schmaler wird die Piste, immer tiefer die Wellentäler, immer dichter der undurchdringliche Regenwald. Für Stunden sind wir das einzige Fahrzeug auf dieser Strecke.
Um die Mittagszeit erreichen wir ein Dorf vom Volk der Mende. Ein relativ großes Dorf mit 4000 Einwohnern. Stolz lädt uns der Vorsteher zu einem Rundgang ein. Sofort umlagern uns Dutzende Kinder in ihrer so erfrischend unbekümmerten Art. In der Mitte des Ortes viele Stuhlreihen. Vollbesetzt mit leuchtend weißgekleideten Männern und einem Redner unter einem Dach gegen die starke Sonne: sie feiern die Einweihung der neuen Moschee. Die Männer erblicken uns - ihre volle Aufmerksamkeit gilt nur noch uns. Die Hälse recken sich, die Köpfe drehen sich zu uns. Der Redner ist im Moment unseres Erscheinens völlig unwichtig. Gerne dürfen wir fotografieren - keiner regt sich darüber auf  - im Gegenteil. Auf der anderen Seite des Platzes sitzen die Frauen in farbenprächtiger Kleidung und kunstvoll drapierten Turbanen auf ihren stolzen Köpfen  - und haben den größten Spaß mit uns. Kurzzeitig beschleicht mich ein Gefühl von Zweifel, dass wir die Zeremonie stören könnten, doch die ist unbegründet. Die gesamte Situation ist völlig entspannt.
Beschwingt von diesen freudigen Eindrücken fahren wir weiter hinein in den dämpfig-heißen Wald in schillernden Grüntönen.
Nach einiger Zeit auf dem abenteuerlichen Achterbahnweg taucht in einer Lichtung das Schild „Gola Nationalpark“ auf. Riesige Primärwälder sind hier, nur noch selten so unberührt und natürlicher Lebensraum für viele seltene Tierarten. Erst 2007 erhielt dieses Waldgebiet an der Grenze zu Liberia den Status eines Nationalparks.
Die Piste leuchtet  in einem satten Orange-Ocker-Ton und dampft. Die tiefen Wellentäler sind mit Wasser gefüllt. Kurz vorher muss es geregnet haben. Einer dieser kurzen heftigen Tropenschauer. Noch achtsamer jongliert jetzt unser Fahrer den Bus auf dem lehmigen Weg.
 
Ein letztes Mal halten wir in einem Mende-Dorf. Barbusige Frauen, Amulette und herumlaufende Schweine sind Indiz dafür, dass hier Animisten leben mit ihren Göttern, Geistern und Ahnenkulten. Sie leben ihr einfaches, aber beschauliches Leben im Wald und wissen nichts von der Welt. Schier unglaublich, denn nur noch etwa 10 km sind es bis Kenema, der Provinz-hauptstadt im Süden des Landes und Zentrum der Diamantenindustrie. Acht Stunden auf schrecklicher Piste liegen hinter uns. Unpassierbar während der Regenzeit.
Der Wald öffnet sich, hügeliges Land liegt vor uns und in einer Senke Kenema mit etwa 150.000 Einwohnern. Eine typisch afrikanische Stadt, wie wir so schon mehrfach erlebt haben - auf den ersten Blick. Erst auf den zweiten Blick registriert man an fast jedem Gebäude der Innenstadt Firmenschilder von Diamantenhändlern, die auf Kundschaft aus der ganzen Welt warten. Fest in libanesischer Hand ist dieser florierende Wirtschaftszweig. Neben Edelsteinen werden auch Gold und andere Bodenschätze im großen Stil abgebaut und außer Landes gebracht. Auch in Sierra Leone kommt bei der Bevölkerung nur wenig vom eigentlichen Reichtum des Landes an. Noch immer muß der Großteil mit 30 Euro im Monat zurechtkommen. Glücklich kann sich schätzen, wer auf dem Land lebt und Selbstversorger ist, fast aussichtslos ist es für all diejenigen, die in den großen Städten gestrandet sind und ein armseliges Dasein fristen.

Der letzte Reisetag beginnt. Im näheren Umkreis von Kenema sollen sich die Diamantenminen befinden, die wir natürlich gerne sehen möchten, bevor wir abreisen. Insbesondere, da die Edelsteine im Tagebau gefördert werden. Wir machen uns auf den Weg. Eine Mine sehen wir leider nicht. Sie liegen wohl alle abseits der Straße. Wir brechen ab und fahren auf bester Straße, ganz ohne Schlaglöcher, nach Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone. Ländlich geprägt und ziemlich flach ist die 300 km lange Strecke. Ärmliche Hüttendörfer säumen den Weg, im Krieg niedergebrannt und danach mit einfachsten Materialien wieder errichtet. Wir kommen gut voran auf dem Zubringer vom Flughafen Freetown für all die internationalen Geschäftsleute, die Kenema als Ziel haben. Nur zeitweise beeinträchtigt eine vernebelte Sicht die Fahrt etwas durch riesige Brandrodungen, die sich bis an die Straße fressen.
Nach schnellen vier Stunden erreichen wir Freetown, das sich auf eine ins Meer ragende Landspitze drängt. So eine volle Stadt habe ich noch nicht erlebt! Autos, Mopeds, Fußgänger - alle quälen sich durch die engen Straßen, vorbei an unzähligen Verkaufsständen. Abgase und Hitze stauen sich in diesem unübersehbaren Gewirr und Gewühl. Hin und wieder entdecke ich  mit etwas Fantasie koloniale Bausubstanz ehemals schmucker Holzhäuser. Zwei Stunden dauert heute die Durchquerung der Millionenstadt. An einem normalen Werktag können auch vier Stunden daraus werden. Große Mangrovensümpfe tauchen am Horizont auf und kündigen das Ende der Landspitze an. Die weite Bucht, an der sich die schnell wachsende Stadt mit teilweise erbärmlichen Behausungen ausbreitet, ist der drittgrößte Naturhafen weltweit. Große Schiffe sehe ich allerdings nur wenige; die meisten davon sind nicht sehr einladende Seelenverkäufer.
 
Wir erreichen die Küste. Weißer Sandstrand und Palmen assoziieren Urlaubs-stimmung. Sonnenschirme und kleine Restaurants sind erste schüchterne Ansätze für Tourismus. Wie schön! Wir haben den Strand gegenüber unserem Hotel für uns allein. Nur ein paar Fischer, die ihre Netze flicken.

Noch einmal besuchen wir ein Schimpansen-Projekt. Diesmal ist es das Asyl-Programm Tacugama, weltweit eines der wichtigsten Schutzgebiete. Eine Stunde fahren wir durch südliche, dünn besiedelte Stadtteile, immer am Atlantik entlang. Fast scheint es wie die „Stadt der sieben Hügel“, eine Erhebung folgt der nächsten. Botschaften haben sich in luftiger Höhe angesiedelt ebenso wie neue, protzige Villen begüterter Bürger zwischen dem Verfall preisgegebenen Rohbauten. Eine seltsame Symbiose. Die Stadt ist zu Ende, die Straße wird eng und führt steil hinauf in einen Wald. Die letzten 500 m gehen wir zu Fuß und hören auch schon das heftige Geschrei der Schimpansenkolonie. Abgegeben, eingesammelt, aufgelesen, finden sie hier eine sichere Bleibe und werden unter professioneller Aufsicht in verschiedenen Auswilderungszonen betreut. Die letzte Station ist ein riesiges Freigehege im Wald, wo die Schimpansen ihren ursprünglichen Lebensraum vorfinden und sich selbst überlassen sind, fern von Betreuern und Fütterungen.
Nachmittags ist gemütliches Strandleben angesagt. Superfeiner weißer Sand, herrliche Brandung und angenehm temperiertes Wasser von geschätzten 28 Grad. Karibik-Feeling kommt auf am Traumstrand „River Nr. 2“.

Am Abreisetag genieße ich noch einmal den Strand. Ich beobachte die Fischer, wie sie mit ihren bunten Holzbooten heftig rudernd die starke Brandung überwinden und weiter draußen mit einer ausgeklügelten Technik ihr langes Netz auslegen.
Ein letztes Mal Koffer packen. Wir fahren zum Bootsanleger. Ein Taxi-Schnellboot bringt uns mit hoher Geschwindigkeit in einer dreiviertel Stunde über die Bucht zum Flughafen von Freetown. Auf dem Landweg hätte es 4 Stunden gedauert, um im weiten Bogen die Bucht zu umfahren.

Dann gilt es, Abschied zu nehmen von einer Reise, wie ich sie mir trotz ausführlicher Beschreibungen nicht vorstellen konnte. Ich habe mich einfach darauf eingelassen und bin gut damit gefahren. Unangenehme Überraschungen blieben mir dadurch erspart.
Noch lange werde ich von den unglaublichen Eindrücken zehren.
Die vielfältigen Landschaften, die unberührten Wälder und vor allem die Menschen, die so natürlich und herzlich sind und völlig unvoreingenommen uns Fremden gegenüber.
Äußerst wohltuend registrierte ich überall - Ausnahme waren, in zaghaften Ansätzen, die großen Städte - daß niemand bettelte oder nach den üblichen Geschenken fragte. Eindeutiges Indiz dafür, daß Tourismus in diesem Teil der Erde - noch - nicht existiert.
 
Diese Reise, so wie wir sie im April 2012 gemacht haben, in Länder, ohne jegliche touristische Infrastruktur, wäre ohne unseren Afrika-erfahrenen Begleiter und unseren einheimischen Guide nicht möglich gewesen. Es ist einfach alles anders in diesem abgelegenen Teil der Erde und mit europäischen Maßstäben nicht zu vergleichen.

18. Mai 2012